Grüße aus der Coronapause: Jana Vetten

Hallo, von wo aus schreibst du uns?
Ich schreibe aus meiner Wohnung in Wien.

Woran arbeitest du gerade oder womit bist du beschäftigt? Kannst du arbeiten? Welche Pläne mussten geändert werden?
Eigentlich sollte ich seit Montag in Osnabrück proben – Einige Nachrichten an das All von Wolfram Lotz. Das kann leider nicht stattfinden. Zuerst habe ich mich um meine Steuererklärung gekümmert. Ich war in einer Art Schockstarre und konnte nicht kreativ arbeiten. Dann habe ich die Fassung für ein Stück gemacht, das hoffentlich im Herbst am KJT Dortmund Premiere hat. Noch stehen alle Pläne für die nächste Spielzeit, deswegen sind Osnabrück und eine Residency, die ich im Juli in Kanada gehabt hätte bis jetzt die einzigen beiden Positionen, die sich verändern.
Ich hatte mich sehr auf Osnabrück gefreut und bin jetzt glücklich, mit einigen SchauspielerInnen des Ensembles an einer Online-Version des Textes zu arbeiten. Momentan finden wir gemeinsam Strategien, den Text so aufzuarbeiten, dass er in dem neuen Medium funktioniert. Das ist ein spannender Prozess, in dem wir ganz neu nachdenken und macht großen Spaß. Wir nehmen uns Zeit und arbeiten inhaltlich und nach dem Lustprinzip. Ich glaube, es tut uns allen gut, sich gedanklich auch mit etwas anderem als Corona zu beschhäftigen, ohne in Aktionismus zu verfallen. Wir telefonieren und skypen viel, dann sind die SpielerInnen selbst gefragt, sich um die Umsetzung zu kümmern. Ich bin sehr gespannt auf das Ergebnis.

Hast du etwas neu lernen müssen / dürfen?
Durch den Arbeitsalltag als Regisseurin, in dem ich, wenn ich nicht gerade probe, meine Zeit komplett frei einteilen kann, bin ich Home Office schon gewohnt und habe schon Routinen und Rituale für mich gefunden, um nicht verrückt zu werden. Ich weiß schon, wie ich meinen Tag einteile, wann ich am produktivsten bin und wann ich Sport mache. Gerade frische ich meine Kenntnisse in Videoschnitt und Tonbearbeitung auf und lerne Arbeiten auf die Entfernung und – mal wieder – den SpielerInnen Freiraum und Vertrauen zu geben. Außerdem versuche ich, jeden Tag etwas anderes zu kochen, auch auf dem Gebiet lerne ich gerade viel dazu. Vor allem Gerichte, die aufwändiger sind und mehr Zeit brauchen, haben jetzt Raum. Heute gibts Powidltascherl, das ist übrigens mein österreichisches Lieblingswort.

Gibt es eine Figur aus deiner aktuellen Inszenierung am Theater Erlangen, die in der jetzigen Situation einen guten Tipp für uns hätte? Zum Beispiel gegen Langeweile oder für Gelassenheit?
Unser Stück Megafad ist in der Hinsicht das Stück der Stunde, weil wir uns darin damit beschäftigen, wie aus Langeweile ganz neue Welten entstehen können. Die Kunst des Müßiggangs kann man von beiden Figuren gut lernen. Lust am Erfinden und Fantasieren. Mut, einfach mal was Neues auszuprobieren („Man muss nicht immer alles können. Man muss einfach machen. Hauptsachen laut!“), zum Beispiel Kochtöpfe als Musikinstrumente zu verwenden oder das versteckte Leben in der Wand zu erforschen (vielleicht ohne drauf zu zeichnen, aber das kann jede für sich entscheiden).
Man kann sich mit dem Langeweilemonster anfreunden und merken, dass es vielleicht komisch riecht, aber nicht gefährlich ist.

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Die beiden SpielerInnen erklären das eigentlich sehr gut:
„Das Schönste an einem langen Nachmittag ist, dass du nichts musst, aber alles kannst, wenn du nur willst“ – „Oder du willst nichts und du machst auch nichts“ – "Oder du machst nur eine einzige Sache, aber die besonders sorgfältig“ – „Oder du beobachtest einfach nur, wie das Tageslicht immer weniger wird.“

Hast du selbst noch einen Buch-, Film- oder Serientipp oder – warum nicht – ein neu entdecktes Kochrezept?
Eine etwas ältere Serie auf Netflix, aber wirklich toll: When They See Us (über den Fall der sogennanten Central Park Five, die in einem rassistisch geprägten Verfahren einer Vergewaltigung schuldig gesprochen wurden, die sie nicht begangen hatten. Aufrüttelnd)

Leif Randts neues Buch Allegro Pastell – eine locker zu lesende Röntgenaufnahme meiner Generation
Auch nicht ganz neu, aber der Film
Lazzaro Felice, ein bezauberndes, bedrückendes Sozialdrama mit Magie. Und Italien!
Und natürlich Yotam Ottolenghi –
Simple. Tolle Rezepte, die einen nicht sofort verzweifeln lassen.